Der Allerwerteste

Viele Menschen behaupten von sich, sie hätten wenig oder gar kein Selbstwertgefühl und rechtfertigen damit Zweifel, Versagen und Misserfolg. Sie ringen im Aussen nach Anerkennung und Akzeptanz, um Glück und Zufriedenheit zu finden. Funktioniert das ?

Die meisten von uns Menschen glauben an äussere, vorgegebene Werte, an denen wir uns orientieren und an denen wir unseren eigenen Wert messen können. Das sind zum Beispiel Vorgaben über den Wert des Geldes, also alles, was wir mit dem Etikett «teuer» (wertvoll) oder «billig» (wertlos), versehen. Das Anstreben bestimmter Berufe oder Studienfächer, die nach Erreichen eines bestimmten Punktes den eigenen Wert erhöhen sollen, stehen vor allem bei Männern hoch im Kurs, nach dem Motto: «Leiste was, dann hast du was, dann bist du was». Besitz ist ebenfalls ein beliebter Vertreter, um unseren Selbstwert anzuheben. Das Finden des richtigen Partners sowie die Fähigkeit Kinder zu bekommen, werden besonders von Frauen gerne genutzt, um den eigenen Wert zu definieren. Gewinnen, im Sinne von «die Konkurrenz ausschalten», vergrößert unseren Selbstwert kurzfristig, allerdings immer auf Kosten anderer.

Betrachten wir diese vorgegebenen Werte genauer, werden wir schnell feststellen, dass sie nicht aus sich selbst heraus entstanden sind, sondern kollektive, gesellschaftliche Vorgaben darstellen, nach denen wir uns richten können und auch sollen. Sie wurden in uns eingepflanzt, entweder von den Eltern oder den Grosseltern, die diese Werte ebenfalls übernommen haben. In der Schule lernen wir das Konkurrenzdenken, der oder die Beste sein zu müssen, in den Medien wird uns vorgespielt, wie ein glückliches Leben auszusehen hat und die Werbung offenbart uns, was wir alles dafür brauchen, damit das alles überhaupt funktioniert.

Subjektiv versus objektiv

Kollektive Werte erscheinen uns objektiv, weil wir sie als Kinder zunächst einmal kritiklos übernommen haben. Wenn Kinder hier auf die Erde kommen, brauchen am Anfang Orientierungspunkte, um sich in der Welt zurecht zu finden. Sie verankern deshalb diese Vorgaben als Wahrheit, die ihnen von ihrem Umfeld vorgelebt und damit bestätigt wird. Zusätzlich zu der Liebe und Geborgenheit, die wir ihnen zukommen lassen, entwickeln sie auf diese Art und Weise ein Gefühl von Sicherheit und Struktur.

Ein Wert in der Aussenwelt kann niemals aus sich heraus entstehen, sondern ihm muss eine Wertigkeit zugewiesen werden. Im Umkehrschluss betrachtet besitzt ausnahmslos alles in der Aussenwelt einen Wert. Mit anderen Worten, alles, was wir im Aussen als wertvoll oder minderwertig betrachten, muss irgendwann einmal von irgend jemandem eine Wert«schätzung» erhalten haben. Es gibt also, neutral betrachtet, keine objektiven Werte, auch wenn wir glauben, das sei so. Immerhin sorgt diese Überzeugung dafür, dass wir die vorgegebenen Werte-Strukturen nicht hinterfragen. Wir erschaffen uns mit ihnen einen Handlungsrahmen, in dem wir sicher und ohne darüber nachzudenken agieren können. Durch diese bedingungslose Akzeptanz legitimieren wir vieles in unserem Leben, angefangen bei familiären Verpflichtungen über Berufswahl, Partnerwahl, materiellen Status bis hin zu generationsübergreifendem Verhalten.

Äussere Werte sind immer subjektive Werte, denen wir als Menschen einen Wert verleihen. Somit sind sie völlig individuell und dürfen auch von jedem Menschen ganz individuell bewertet werden. Ein Gemälde, das kollektiv gesehen vielleicht einen sehr hohen Wert besitzt bedeutet uns gar nichts im Vergleich zu einem selbst gemachten Schmuckstück eines Freundes, dem wir einen hohen Wert verleihen, einfach weil der Mensch uns so viel bedeutet.

Bewertungsmuster: Aufwerten, abwerten, urteilen

Dinge, Sachverhalte, Aussagen und Meinungen zu bewerten ist für uns Menschen unabdingbar, weil wir auf diese Art und Weise unseren persönlichen Geschmack bilden. Wir entscheiden, welche Kleidung uns gefällt, welche Musik uns berührt, welche Art von Kunst und Kreativität uns anspricht, welche Hobbys wir pflegen und wie wir uns weiterbilden. Unser gesamter Alltag, ob angenehm oder unangenehm, gestaltet sich durch unsere Vorlieben und Abneigungen, ohne die das Leben äusserst farblos, ja geradezu eintönig und langweilig wäre. Durch diese Einteilung erfahren wir sowohl Begeisterung als auch Ablehnung und sind in der Lage, Intensität wahrzunehmen und gleichzeitig die Dinge immer wieder neu zu betrachten und zu «erleben». Kleine Kinder sind wahre Meister im Bewerten. Sie geben uns unmissverständlich und direkt zu verstehen, was sie mögen und was nicht. Sie tun dies entweder aus einer Emotion heraus oder ganz intuitiv.

Nun gibt es Menschen unter uns, die glauben, dass es auf unserer Welt gerade deshalb soviel Leid und Missstände gibt, weil wir eben alles bewerten und sie empfehlen, das Bewerten schnellstmöglich abzustellen. Genau genommen ist dies aber auch ein Werten, das Bewerten wird als negativ bewertet und damit abgewertet. Wer hat nun Recht ?

Hier sollten wir zwischen bewerten und beurteilen klar unterscheiden. Wenn wir etwas bewerten, dann weisen wir einem Sachverhalt einen Wert zu, der aber nicht zwingend positiv sein muss. Wenn wir etwas beurteilen, fällen wir ein Urteil, das einer Trennung gleichkommt. Ein Urteil hat immer etwas endgültiges.

Wenn wir bewerten, dann bilden wir stets einen Bezug zu uns selbst, etwa dass uns die Pizza aus einem bestimmten Restaurant gut schmeckt oder wir bestimmte Freizeitaktivitäten langweilig finden. Fehlt dieser ich-Bezug, fällen wir ein Urteil, was Leid erzeugend wirken kann. Ein Beispiel: Sage ich zu jemandem, dass er besser Klavier spielt als ich, dann ist das ein Kompliment in Form einer Bewertung. Drehe ich das um und meine, dass ich besser Klavier spielen kann als mein Gegenüber, ist das immer noch ein Werten. Behaupte ich jedoch Klavierspieler sind die bessern Menschen, dann kommt dies einem Urteil gleich. Zum einen fehlt der ich-Bezug und zum anderen der Vergleich, da Klavierspieler mit Nicht-Klavierspielern überhaupt nichts gemeinsam haben und deshalb gar nicht miteinander verglichen werden können. Es gilt also genau zu unterscheiden, ob wir bewerten oder verurteilen. Urteile sind Bewertungen, die aus dem Kontext gerissen wurden und oft mit Pronomen wie «alle, jeder, niemand» usw. besetzt sind. Sie werden uns, wie wir bereits gesehen haben, als kollektive Werte vermittelt, nach denen wir uns richten sollen.

Viele Menschen neigen dazu, sich selbst zu verurteilen. Beliebte Ansichten über uns selbst sind zum Beispiel:

  • Ich bin unfähig
  • Ich bin ungebildet
  • Ich bin ein hoffnungsloser Fall
  • Ich bin schwach
  • Ich bin unwichtig
  • Ich bin hässlich
  • Ich bin empfindlich
  • Ich bin nicht liebenswert
  • Ich bin ein Versager
    usw.

Alle diese Aussagen haben zur Folge, dass wir uns dauerhaft klein und minderwertig fühlen. Wir reagieren dann im täglichen Leben mit bestimmten Verhaltensweisen:

  • «Ja, aber..»-Sätze
  • Sich über die Zustände beschweren
  • Sich mit längst vergangenen Situationen beschäftigen
  • Gestresst-sein, ohne zu wissen warum
  • Sich als Opfer der Umstände fühlen
  • Sich mit anderen vergleichen
  • Schnell beleidigt sein
  • Arrogant oder aggressiv reagieren

Beliebte Glaubenssätze über den Wert:

  • ich bin es nicht wert, in einem eigenen Haus zu wohnen
  • ich bin es nicht wert mich mit Schönheit zu umgeben (Kleidung, Gegenstände etc.)
  • ich bin es nicht wert, mich selbst zu geniessen
  • ich bin es nicht wert, einen ganze Tag lang einfach mal nichts zu tun, was ich nicht möchte
  • ich bin es nicht wert glücklich zu sein
  • ich bin nicht gut genug einem tollen Mann/Frau zu begegnen
  • ich bin nicht gut genug für eine Karriere, wo man viel Geld verdient
  • ich bin nicht gut genug, etwas ‘kreatives’ zu machen
  • ich bin nicht gut genug der/die Beste zu sein

Ein Kind wird immer mit einem völlig intakten Selbstwertgefühl geboren. Dieser angeborene Selbstwert bleibt ein Leben lang, auch wenn wir uns selbst verurteilen oder uns von äusseren Umständen oder Menschen demütigen oder niedermachen lassen. Dann fühlen wir es nur nicht mehr und glauben deshalb, der Selbstwert sei uns abhanden gekommen. Wir könnten uns das auch so vorstellen: Wir stehen in einem Raum und die Zimmerdecke wird auf einen Meter abgesenkt. Wir gehen dann zwar in die Knie, schrumpfen deshalb aber noch lange nicht auf einen Meter zusammen sondern behalten unsere ursprüngliche Grösse, egal, wie klein wir uns machen müssen. Wir sehen also, nichts und niemand im Aussen hat die Macht, uns unseren ursprünglichen Wert wegzunehmen, ausser wir selbst.

Eine einfache Übung soll dies verdeutlichen:
Stell dir vor, du sitzt auf einer Bank in einem Park, in einer Stadt auf dieser Erde. Dann ist zunächst die Bank weg, danach verschwinden die Blumen, dann der Park, die Stadt und du stehst auf einer leeren Fläche. Dann ist die Fläche weg. Bist du noch da? Wie fühlt sich das an? Nimm wahr, dass du existierst, auch ohne alle äusseren Umstände um dich herum. Nun nimm den physischen Körper weg. Existierst du noch? Wenn du jetzt noch eine Wahrnehmung von dir hast, besitzt du auch noch deinen Wert.

Selbstwert – kein Problem!

Nicht alle Menschen leiden unter einem geringen Selbstwert, es gibt auch diejenigen, für die ein gesundes Selbstwertgefühl kein Problem zu sein scheint. Sieht man jedoch genauer hin, ist dies oft nur die Kompensation eines Minderwertigkeitsgefühls durch ein starkes Ego, das sich von echtem Selbstwert deutlich unterscheidet. Wir erkennen diese Menschen an einer extrovertierten Ausstrahlung und an kompromisslosen Handlungen, die vom Verstand gesteuert werden. Das Leben ist dann eine Herausforderung, die nur mit Kampf bewältigt werden kann, ständig Kraft kostet und den Alltag anstrengend werden lässt. Das Ego hat die Funktion, uns an unsere Besonderheit und Einzigartigkeit zu erinnern. Übergehen wir jedoch diesen Punkt, erheben wir das Ego zu unserem Chef, der alles steuern und kontrollieren will. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Leichtigkeit, die Freude und die Liebe zu uns selbst.

Aufrichten

Der eigene Wert ist der Ausgangspunkt für alles, was wir im Leben tun, erleben und fühlen wollen. Ohne Selbstwert existiert keine Selbstliebe, keine Selbstachtung und kein Selbstvertrauen. Als erstes gilt es also einzusehen und anzunehmen, dass du für dich selbst der höchste Wert bist, und zwar immer und zu jeder Zeit. Mehr braucht es nicht. Unser eigener Wert war immer schon da und wird immer da sein solange wir existieren, egal ob physisch oder geistig. Er ist sofort da, sobald wir es einfach nur zulassen. Es gibt keinen ewig langen Weg dorthin zu gehen oder etwas zurückzugewinnen, was sowieso schon da ist. Das einzige, was uns dabei im Weg steht, sind die Vorstellungen und Glaubensmuster über uns selbst und die Welt. Sie gilt es auszuhebeln, zu löschen oder zu überschreiben. Glaubenssätze sind im Verstand verankert können zum einen durch Wiederholung und zum anderen durch positive Erfahrungen ganz leicht verändert werden.

Fangen wir also damit an, dass wir uns frühmorgens den Wecker fünf Minuten früher stellen und uns im Bett darüber bewusst werden, dass wir wundervoll und wertvoll sind.

Meine persönliche Lieblingsübung ist der «Königsmodus»:
Wir gehen spazieren und stellen uns dabei vor, wir sind ein wohlwollender(!) König (oder eine Königin, je nach Vorliebe). Und dann spüren wir einfach in uns und bleiben dabei so natürlich wie möglich, also ohne uns dabei zu verstellen, wie ein König zu «sein» hätte. Wie fühlt sich das an ?
Begegnen wir anderen Menschen, sehen wir diese nicht als Untertanen, sondern ebenfalls als Könige, die vielleicht gerade nicht im Königsmodus sind. Wir lächeln ihnen wohlwollend zu und spiegeln ihnen damit ihren eigenen Selbstwert. Treffen wir auf einen freundlichen Menschen, freuen wir uns daran, jemanden im Königsmodus zu treffen, das ist dann wiederum eine schöne Spiegelung für uns ! Wenn wir diese Übung mindestens sechs Wochen praktizieren, ist unser Verstand umprogrammiert und wir «bewegen» uns dann automatisch in unserem natürlichen Selbstwert.
Wer will kann die Übung auch noch ausdehnen und sie in andere Aktivitäten am Tag einbauen («der König geht jetzt die Treppe hoch, der König spült das königliche Geschirr ab, der König kocht heute persönlich das Festmahl, geht duschen, fährt zur Tankstelle» usw…)

Diese einfache Übung bringt uns in unser natürliches Selbstwertgefühl zurück. Wir kommen dabei ganz schnell an einen Punkt, an dem wir in uns selbst ruhen, uns geniessen können, uns schön finden und darüber hinaus anderen Menschen spiegeln können, dass auch sie wundervolle und wertvolle Wesen sind.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *